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Hari Pendidikan nasional - Stechschritt und Volksfest...

Autor: Malte | Datum: 02 Mai 2014, 07:38 | 0 Kommentare

Heute war in ganz Indonesien der nationale Tag der Bildung, auf Indonesisch der "Hari (Tag) pendidikan (Bildung) nasional (selbsterklärend)". Zum feierlichen Festakt heute morgen versammelten sich Vertreter und vor allem Vertreterinnen ALLER Schulen und Kindergärten von Gunungsitoli im Fußballstadion. Es war eine riesige Parade, wie so vieles in Indonesien mit Paraden gefeiert wird. Aber es war auch eine große Kirmes, weil jede Schule einen Stand am Rand des Fußballfeldes hatte, und weil nach und nach die Leute nicht mehr in Reih und Glied dastanden, sondern eben durch die Stände geschlendert sind, sich unterhalten haben, und die Parade Parade haben sein lassen. Toll!

Ich bin mit Ibu Noni und dem Hausmeister des Kindergartens mit als erster da gewesen. Es war schon alles aufgebaut, überall standen Lehrergrüppchen rum, Kinder rannten scharenweise irgendwohin, wahrscheinlich dahin, wo sie sich aufstellen sollten, niemand hatte den Überblick und es war irgendwie wie Kirchentag... Wir haben uns dann mit Ibu Elsa und allen anderen getroffen* und uns zu unserem Aufstellungsplatz begeben.  Da sind dann auch nach und nach die Kinder eingetrudelt. 

Nach einer Weile ging dann der Festakt endlich los:

Wir standen in Reih und Glied wie zum Appell um ein großes freies Quadrat herum, auf dessen Mitte ein Fahnenmast stand. nach drei Seiten hin standen Schüler und Lehrer, nach einer Seite die Tribüne mit den Honoratioren. Nachdem wir, um den (An-)Führer des Appells zu ehren, salutiert hatten, kamen im Stechschritt eine Schülerin, die "die ehrwürdige Rot-Weiße" trug, die Fahne Indonesiens, und zwei Schüler, einer rechts und einer links, auf den Platz marschiert, und dann wurde, recht umständlich, die Flagge gehisst. Die beiden Schüler, die sie gehisst haben, haben dabei sehr zackige Bewegungen gemacht, fast als ob keiner merken sollte, dass sie keine Roboter, sondern nur Menschen sind :-) Wie sie dann fertig festgeknotet war und gehisst wurde, haben wir wieder alle salutiert und "Indonesia Rayah", die Nationalhymne Indonesiens, gesungen. Dann wurde die Pancasila gemeinsam rezitiert, die ist so was wie der Kern der Indonesischen Verfassung. Manche bezeichnen sie auch als "die Seele des indonesischen Volkes". Daraufhin hat der Appellführer ein Grußwort von irgendwem vorgelesen, und es muss jemand sehr wichtiges gewesen sein, denn richtig zugehört hat keiner. 

Das ist das tolle an diesen Appellen: Die ganze Bevölkerung wird gezwungen (nur Gruppenzwang...) zu salutieren, stramm zu stehen und zu marschieren, sie wird also militarisiert. Gleichzeitig ist der Appell an sich dadurch sehr alltäglich, niemand hat dabei ein besonderes Sendungsbewusstsein oder gar Kriegsbegeisterung. Man unterhält sich beim Appell, tauscht den letzten Tratsch aus, Kinder bohren in der Nase und drehen sich dauernd weg, weil irgendwas wieder spannender ist als die Fahne. Dadurch wird das Militärische an der ganzen Sache irgendwie sehr zivilisiert. Es hat nicht mehr diesen bedrohlichen Charakter, den es in Deutschland mal hatte, sondern wird eher zu einer Art Volksfest. Dafür mag ich Indonesien echt sehr...

 

Nachdem dieses hochinteressante Grußwort dann zu Ende war, haben wir alle noch einmal salutiert, um den Appellführer zu ehren. Dann kam der Hauptteil: Die Vorführungen der einzelnen Schulen. Die erste Schule hatte eine traditionelle Tanztruppe aufgestellt, vier traditionelle niassische Krieger und acht Tänzerinnen, die eine sehr schöne Kombination aus Kriegstanz (die Männer) und, ich glaube, Hochzeitstanz (die Frauen) aufgefüht haben. Später kamen dann noch mehrere Marschorchester, Chöre und Tanzgruppen, u.a. auch die des Kindergartens TK Hannah Blindow, das ist der Kindergarten der BNKP, in dem ich auch arbeite. Von uns kam eine kleine Tanzgruppe aus acht Mädels aus den B-Klassen, das sind die ganz großen (5-6). Das Lied war sehr schön (wieder: alle stehen beim Appell wie die Soldaten und tanzen so ein bisschen auf der Stelle zu Popmusik - welcome to Indonesia:-)  und besonders die Performance am Ende, wo sie in einer Reihe stehen und BEIM letzten Schlag freeze machen, jeweils in individuellen Bewegungen - der Hammer! Die Zuschauer waren wild begeistert, ich war ganz schön stolz auf "meine Kleinen" (auch wenn (räusper) nur Ibu Noni und Ibu Daeli mit ihnen geprobt haben...) und die Mädels haben erleichtert und ein bisschen fluchtartig den Platz verlassen. So schnell, dass Ibu Noni Probleme hatte, sie wieder einzufangen, bevor sie im Getümmel ganz verloren gehen... Dann gabs für jede eine kleine Tüte Süßigkeiten, die meisten der Mädels sind gegangen und ein paar von uns Lehrern sind dann noch dageblieben, um sich die Stände anzugucken. 

Eine Schule hatte Dünger entwickelt, aus biologischen Inhaltsstoffen, eine Schule stellte sich als Reiseveranstalter vor, was sie, glaub ich, zum Teil sogar wirklich ist, oder sie arbeitet mit einem zusammen, und eine Schule hatte alle möglichen Obstsorten zum Probieren, aber auch Fischmehl und Mangos in Eigensaft, zum Verkauf. In einer Schule mit medizinischer Sonderausbildung hatten sie natürlich jede Menge Geräte zum Zeigen, Modelle aufgebaut und so, und ein technisches Gymnasium hatte ein Auto selbstgebaut!!! Das hatte sogar eine kleine Sirene und eine Hupe und auf dem Stahlgestell konnten bestimmt acht Leute sitzen, und damit sind dann ein paar Schüler dauernd durch die Gegend gefahren. Hammer Aktion! Vor allem, und auch das liebe ich an Indonesien, dass da Mädels mit und ohne Kopftuch bunt gemischt mitgefahren sind! Das war überhaupt kein Problem!

 

Der Vater eines Mädchens vom Kindergarten hatte mich aber vorher noch gebeten, bei seiner Schule vorbeizuschauen, und so sind wir da auch noch hin. (Nebenbei, damit Ihr das Szenario versteht, die Gesangs- und Tanzaufführungen gingen immer weiter. Gunungsitoli hat ja nicht gerade wenige Schulen...) In dem Zelt war ein riesiges Gedränge! Seine Schule stellte sich besonders mit dem Englisch-Zug vor, der auf Tourismus als späteres Arbeitsfeld spezialisiert ist, und eine Schülerin hat mir auf Englisch eine dreitägige Reiseplanung durch Nias vorgestellt. Außerdem gab es dort eine sehr schöne Lampe zu kaufen, die sie mir gerne verkauft hätte. Die war mit tollen niassischen Motiven verziert, aus schwarzem Holz, aber leider würde die im Flugzeug ganz sicher kaputt gehen. Dafür hatte die Schülerin Verständnis, und so haben wir es bei einem Foto zu zweit mit der Lampe belassen. Sowieso gab es an dem Tag echt viele Fotos! Zwischendrin hat mich das Auto von dem technischen Gymnasium davor bewahrt, der einzige Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu werden, denn so ein Weißer Praktikant beim Appell, das ist schon was besonderes... Leider...

Irgendwann hat es dann angefangen zu regnen und wir haben uns irgendwo untergestellt. Der Chor der Angestellten im Amt für Bildung hat ganz tapfer noch im Regen sein Lied zu Ende gesungen und danach kamen dann irgendwelche Sänger, also einzeln, auf die Bühne. Die war nämlich überdacht, und ab da war das Programm nur noch zur Unterhaltung der Wartenden da, die bei dem Regen nicht nach hause gehen wollten. Als der Regen dann aber weniger wurde, sind Ibu Elsa, der Hausmeister vom Kindergarten, Ibu Elsas jüngste Tochter (leider kenn ich die Namen nicht, da muss ich echt mal nachfragen...) und ich in insgesamt zwei Becaks gestiegen, also Motorradrikschas, und damit nach Hause gefahren. Was für eine Aktion! Und das ohne Frühstück, weil ich mir gestern abend den Wecker falsch gestellt hatte...

 

 

 

* kurze Ergänzung zu den Namen: "Ibu" (kurz "Bu") heißt auf Indonesisch "Mutter" und wird als Anrede für erwachsene Frauen gebraucht, "Bapak" (kurz "Pak") heißt "Vater" und wird entsprechend für Männer gebraucht.

Wenn ich aber sage "Ibu Elsa", dann heißt die Frau, von der ich spreche, nicht Elsa, sondern sie ist "Elsas Mutter". Denn ihr ältestes Kind ist ihre Tochter Elsa. In Nias kann man Erwachsene nämlich auch mit ihrem Paidonymikon ansprechen, also mit ihrem "Kinder-Namen".

Das hat den Vorteil, dass "Bapak Ibu Elsa" eben "Elsas Eltern" sind, sie haben also den gleichen Namen. In Deutschland haben Verheiratete ja oft den gleichen Nachnamen - der bleibt aber in Nias ein Leben lang gleich, sodass Ehepaare nur durch Zufall den gleichen Nachnamen haben können. Damit man trotzdem irgendwie erkennt, dass sie zusammengehören, verwendet man eben den Namen des ältesten Kindes. 

Dieses System ist sehr ungerecht gegenüber Leuten, die keine Kinder kriegen können, aber es kann auch sehr integrativ sein: Ibu Elsas Mann zum Beispiel, Pak Elsa, kommt aus Sulawesi. Er hat also keinen niassischen Nachnamen, und das würde andauernd auffallen und ihn ein kleines bisschen Ausschließen. Wenn man ihn nicht einfach "Bapak Elsa" nennen könnte, denn dann ist es ja wurst, wie er sonst noch heißt...

Leider gilt das aber nicht immer: Ibu Noni z.B. ist noch unverheiratet (in einem indonesischen Kontext ist allen klar, dass sie eines Tages heiraten wird) und Noni ist ihr eigener Name. Ibu ist "nur" ihr Titel als Lehrerin im Kindergarten. Von Ibu Daeli weiß ich gar nicht, wie sie mit Vornamen heißt, ihr Nachname ist aber Daeli. Also wird sie Ibu Daeli genannt, obwohl sie schon verheiratet ist und Kinder hat. Ibu Dorkas, die Generalsekretärin der BNKP, ist Pfarrerin und wird daher mit "Ibu" + ihrem Vornamen angesprochen. Und mein Nachbar Gohi wird "Bapak Gideon" genannt, weil er selbst noch keine Kinder hat, aber dafür einen Neffen, vonseiten seines Bruders, nämlich Gideon. Also wird auch Yuliana, Gohis Frau, Ibu Gideon genannt. 

Kennt Ihr Asterix auf Korsika? ;-)   

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