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Montag: Islamisches Neujahr - mit schweren Fragen.

Autor: Malte | Datum: 04 November 2013, 15:27 | 0 Kommentare

Das islamische Neujahrsfest wird in Indonesien nicht als Neujahrsfest gefeiert, sondern als "Hidschra" (indonesisch "Ijrlah" oder so ähnlich) begangen und bedeutet für mich vor allem schulfrei.

Außerdem war ich heute kurz im Krankenhaus . . .   

Deswegen war heute eigentlich nicht viel los, ich habe das Geschirr von gestern gespült, angefangen, Wäsche zu machen und viel mehr Zeit, als geplant, mit meinem Blogeintrag für gestern (s. unten: "älterer Eintrag") verbracht.

 Unterbrochen wurde mein Tagesablauf (der eigentlich deutlich produktiver hätte sein sollen) davon, dass mir beim Einsprühen mit Mückenspray ein bisschen Mückenspray ins Auge geraten war. Ich hab also mal auf der Packung nachgeguckt, und da stand, man solle das Auge gründlich mit Wasser spülen und einen Arzt konsultieren. Total blöde, ich hatte gerade angefangen, Wäsche zu machen, wollte noch bloggen und evtl. mit meinem ersten Rundbrief anfangen - eigentlich hatte ich da gar keine Zeit für irgendwelche Arztbesuche!  Was mich dann aber umgestimmt hat, war die Überlegung, dass es ja theoretisch was ernstes sein könnte, das erst nach zwei Wochen sichtbar wird oder so. Und dass dann evtl. die Versicherung nicht zahlt, weil ich nicht rechtzeitig beim Arzt war - und das zusammen wäre ja doch sehr doof...   Also hab ich meiner Supervisorin, die gerade nicht zuhause war, gesimst, sie möge mir doch die Adresse eines Arztes oder Krankenhauses geben und mir sagen, ob die 700.000 Rupien (ca.40 bis 50€) für zwei Becakfahrten und den Arztbesuch reichen. Becaks sind die Motorradrikschas, die in Deutschland durch Taxis ersetzt werden.  Gloria, meine Supervisorin, hat mir den Namen eines kleinen Krankenhauses in Gunungsitoli genannt, und dass alle Becakfahrer wüssten, wo das ist, und ja, 700.000 würden reichen.

Das Krankenhaus war wirklich sehr klein, aus deutscher Sicht eher eine sehr große Arztpraxis mit Betten und deutlich mehr Personal, und die ganze Sache war eigentlich kein Problem. Ich habe dem Arzt die Mückensprayflasche gezeigt und dargestellt, dass ich was davon ins Auge bekommen habe, mit meinen Indonesischkenntnissen konnte ich es, sagen wir mal untermalen... Der Arzt meinte jedenfalls, das sei gar kein Problem, hat sich meine Augen kurz angesehen und gesagt, die müssten jetzt nochmal mit sterilem Wasser gespült werden.  Die wichtigen medizinischen Sachen ("nein, keine Erblindungsgefahr" , "nein, im Auge spülen heißt nicht im Augapfel drin spülen..." und: "machen Sie das bitte nicht nochmal") haben wir dann mit dem google-Übersetzer meines Tablets kommuniziert.  Zwanzig Minuten später war ich also fertig und gerade einmal 50.000 Rp. ärmer, das sind keine 4€, bin mit dem Becak zurückgefahren.

Ich fand das Krankenhaus sehr gut, aber ich kann mir vorstellen, dass es eine objektiv gesehen ziemlich teure Privatklinik ist, die sich in Nias bei weitem nicht jeder leisten kann. Das gehört zu den Privilegien als Weißer, dass man im Zweifelsfall wahrscheinlich in das Elite-Krankenhaus kommt, und nicht, wie viele andere Menschen, in ein normales, so wie Mugisho aus Tansania, der vorletzten Donnerstag gestorben ist.

 http://anna.vem-freiwillige.de/post/75/1149 

Und für mich gehört es mit zu den ganz schweren Luxusproblemen, dass ich nicht weiß, wie ich so vielen Menschen "helfen" könnte, aber eigentlich ganz genau weiß, dass mein ach so demokratischer Sinn für "behandelt mich wie einen der euren, ich will möglichst gleich dazugehören..." an der Tür des Krankenhauses aufhört. Und ich glaube nicht, dass das irgendjemandem, er sei Indonesier oder Deutscher, in meiner Position anders ginge. Ich überlege bloß, ob man nicht so handeln könnte, dass man selbst gut versorgt wird, ohne dafür ein System zu unterstützen, dass so viele Menschen eben fallenlässt, weil "für die das Geld nicht reicht." !  

Es ist ungerecht, dass ich im Zweifelsfall nach Singapur ausgeflogen werde, alle meine Freunde, Bekannten und Kollegen aber, wenn sie Reich sind, vielleicht nach Medan ins Krankenhaus kommen, das ist die Provinzhauptstadt. Und ich weiß, dass kein Indonesier davon gesund wird, dass ich mich weigere, mich nach Singapur ausfliegen zu lassen. Die ganz harte Linie würde vielleicht in dem Versuch enden, den Flug und die Behandlung in Singapur oder Jakarta für einen Freund selbst zu bezahlen. Bei einem Freund würde es vielleicht viel, sehr viel, kosten. Aber beim zweiten? Und beim dritten? Und bei den sechshunderttausend Menschen auf Nias allein, die ich nicht persönlich kenne? Will ich denen allen privat eine medizinische Versorgung nach deutschem Vorbild finanzieren? Und was ist mit den zweihundertfünfzig Millionen Indonesiern, die nicht auf Nias leben? Was ist mit denen? Interessieren wir uns für die? Können wir ihnen im medizinischen Notfall "helfen"? Würden wir es tun, wenn wir die Wahl hätten zwischen "täglich frischen Brötchen statt Graubrot" und "dem Leben eines Menschen"?

Ich ganz persönlich glaube, dass wir im Angesicht dieser Fragen zu allererst aufhören müssen, Geld zu verschwenden. Dass wir es sinnvoll einsetzen, ist sicherlich gut, aber das x-te Handy! nach zwei Jahren das wieder neueste Auto! riesige Elbphilarmonien! Durchgangsbahnhöfe! Bischofsresidenzen! und Protzflughäfen! fangen einfach an, unglaublich zu stinken vor lauter Menschenverachtung, wenn man sich überlegt, was mit diesem Geld hätte bewirkt werden können. Fangen wir doch bei solchen Sachen an, etwas globaler zu denken.    Bitte.    Auch, wenn es vielleicht schwer ist, und auch, wenn wir darin noch oft versagen werden - den Versuch ist es allemal wert!  

Was mich persönlich angeht, werde ich mich fragen müssen, ob die 20.000€, die die VEM und das BMZ zusammen für meinen Freiwilligendienst hier ausgegeben haben, genau so verschwendet sind, wie das Geld für den schönen Reliquienraum in der neuen limburger Bischofsresidenz, oder ob aus diesem Jahr vielleicht mehr erwächst, als nur romantische Erinnerungen, schöne Fotos und eine schmucke Bemerkung im Lebenslauf, man sei in Indonesien gewesen. Was dieses wachsende genau sein wird, weiß ich noch nicht genau. Aber eigentlich muss ich mir jeden Morgen die Frage stellen "Weshalb bist du hier?"  und wer weiß, irgendwann verstehe ich es vielleicht. Oder ich fange an, die Frage selbst zu beantworten.

Wer weiß . . .   

 

 

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